Unterjesingen – ein Dorf kommt unter die Räder

Vor Jahren – 22.000 Kraftfahrzeuge quälten sich werktäglich durch Unterjesingen – strahlte der Südwestrundfunk unter dem genannten Titel einen Film über die Verkehrsbelastung Unterjesingens aus. Von bundesweit jährlich 40.000 Feinstaubtoten, von gefährdeten Kindern und einer durch die überlastete Verkehrsader zerrissenen Dorfgemeinschaft war dabei die Rede. Zwischenzeitlich zwängen sich täglich über 26.000 Fahrzeuge, davon 1.653 Lastwagen, durch den Ort, und auch ein eventueller Nutzen der vor ca. drei Monaten durch das Regierungspräsidium verordneten Tempo-30-Regelung auf der Ortsdurchfahrt ist bislang nicht belegt. Die Mittelstandsvereinigung (MIT) Tübingen unter Leitung ihres Kreisvorsitzenden Jost Brimo nahm dies zum Anlass für eine öffentliche Veranstaltung im Hotel Lamm, bei der auch der Ortsvorsteher und Vorsitzende des Tunnelbauvereins Unterjesingen e.V. Michael Rak informierte. Es gebe, so Rak, jetzt eigentlich nur noch zwei Varianten, wie durch straßenbauliche Maßnahmen das Problem gelöst werden könnte: Durch einen kurzen Tunnel ortsnah im Süden oder bei unverändertem Verlauf der Ortsdurchfahrt diese tiefer zu legen und zu überdeckeln. Die anderen Varianten bestünden darin, den Ort zu umfahren. Ein Tunnel sei jedenfalls eine durchaus realistische Option. In Freiburg habe man unter einem grünen OB einen Tunnel für 230 Mio. EUR gebaut, dann müsse gegebenenfalls auch ein Tunnel für Unterjesingen möglich sein – z.B. eine Tieferlegung und Überdeckelung der Ortsdurchfahrt, für die derzeit mit Kosten in Höhe von ca. 30-40 Mio. EUR zu rechnen wäre, beim kurzen Tunnel ortsnah im Süden mit ca. 10-12 Mio. EUR. Wie der MIT-Kreisvorsitzende Brimo betonte, sei auch aus Sicht der Wirtschaft und insbesondere des Mittelstandes der volkswirtschaftliche Schaden durch Staus nicht zu unterschätzen, der bundesweit auf eine jährliche Größenordnung von 100 Milliarden EUR geschätzt werde. Darin enthalten sei die unproduktive „Arbeitszeit“ des im Stau stehenden Handwerkers ebenso wie der im Stau zusätzlich verbrauchte Treibstoff. Bei Zugrundelegung der Berechnungen eines namhaften Verkehrsexperten müsse man bezogen auf die kilometerlangen Rückstaus, welche durch die Unterjesinger Ortsdurchfahrt täglich verursacht würden, ohne weiteres von jährlichen staubedingten Schäden in Millionenhöhe ausgehen. Vereinsvorsitzender Rak berichtete zur Überdeckelungsvariante von der Besichtigungsfahrt des Tunnelbauvereins zu einem solchen in Tuttlingen abgeschlossenen Projekt. Dort habe man damit rundweg positive Erfahrungen gemacht. Betroffene Bürger und Unternehmer seien von Anfang an mit eingebunden gewesen. Der Projektleiter habe mit jedem Bürger gesprochen, es seien an jedem Gebäude vorab Höhenmarkierungen angebracht und anschließend im Laufe der Baumaßnahmen monatlich kontrolliert worden. Es laufe lediglich ein einziger Prozess, bei dem unklar sei, ob ein Riss am Gebäude auf die Baumaßnahmen zurückzuführen sei.
Insbesondere sei vorab im Dialog mit den betroffenen Unternehmern geklärt worden, wer zeitweise oder endgültig seinen Betrieb verlegen wolle – keiner sei dabei Pleite gegangen. Auch Gäste aus Nachbarorten brachten sich in die anschließende Diskussion mit ein, so etwa Bernhard Groß von der Bürgerinitiative Neckartal aus Wurmlingen und Ulrich Latus, Ortsvorsteher von Hirschau. Latus gab als Folge der in Hirschau immer wieder erlebten Enttäuschungen zu bedenken, dass gemäß seiner Auffassung schlicht aus „Zeitgründen“ wohl nur die Untertunnelung der Ortsdurchfahrt an Ort und Stelle erreichbar sei, weil hierfür – im Unterschied zu Umfahrungslösungen – kein zeitintensives Planfeststellungsverfahren erforderlich werde. Der Idee aus dem Publikum, entsprechende Planungen durch ein privat veranlasstes Gutachten zu Trassenführungsvarianten anzuschieben, musste Vereinsvorsitzender Rak allerdings eine Absage erteilen. „Das geht bereits aus finanziellen Gründen nicht“. Dafür müsse die Stadt entsprechende Mittel in den Haushalt einstellen. Dies habe der Ortschaftsrat bereits beantragt. Ein weiteres Ärgernis, das aus dem Publikum aufgegriffen wurde und auch im Rahmen eines eventuellen Stufenplanes zur vorläufigen Abmilderung der Verkehrsproblematik nicht lösbar sei, ist der Umstand, dass eine erhebliche Zahl von Lastwagen aus Richtung Hirschau ihren Weg zur Autobahn nicht über Rottenburg, sondern über Wurmlingen, Unterjesingen und Ammerbuch nehmen. Hierzu wusste Latus zu berichten, auch etliche Unternehmer aus Hirschau würden ihre Fracht durch freie Spediteure transportieren lassen und hätten somit keinen Einfluss auf deren Fahrtroute. Joachim Braun, stellvertretender MIT-Kreisvorsitzender und selber privat wie beruflich in Hirschau ansässig, ergänzte, dies liege auch daran, dass es für die Anbindung Hirschaus an die Autobahn von Anfang an keinen vernünftigen Zubringer, sondern nur „Stückwerk“ gegeben habe und noch gebe. Sehr aufmerksam nahmen die Anwesenden Raks Hinweis zur Kenntnis, dass in Folge der aktuellen Volkszählung „Mikrozensus“ die Stadt Tübingen eine eigene Zuständigkeit für den Bau von Bundesstraßen im Bereich von Ortsdurchfahrten erhalte. Ab diesem Zeitpunkt werden die Stadt und damit der Tübinger Gemeinderat direkt in der Verantwortung stehen. Derzeit jedoch wird in Unterjesingen demokratische Bürgernähe im Rahmen einer Bürgerbefragung vorbildlich praktiziert: Die Unterjesinger sollen sagen, ob sie einen Handlungsbedarf für die Änderung der Verkehrssituation sehen und gegebenenfalls welche Variante sie hierfür favorisieren. Die Kommunalwahl 2014 wirft ersichtlich ihre Schatten voraus. Sollte man sich in Unterjesingen dieser Tage mehrheitlich für bauliche Veränderungen aussprechen, dürfte als gesichert gelten, dass die Bürger dieses Ortsteils sehr genau überlegen werden, wer 2014 ihre Wählerstimmen erhalten wird.

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